Innere Ruhe oder Leistungsdruck – Wie ich dem Wahnsinn entkomme

Am Anfang unserer Beziehung kam meine innere Ruhe von T., jetzt zähle ich Reiskörner. Während ich ständig damit beschäftigt war, noch irgendeine wichtige Aufgabe zu erfüllen und erst zur Ruhe kam, wenn ich schließlich in mein Kopfkissen sank, schien T. nichts aus seinem Trott zu bringen. Er ging kurz  vor sieben auf Arbeit, kam gegen sechs oder sieben am Abend nach Hause, setzte sich aufs Sofa, machte sein Abendessen und trainierte schließlich. Eine Stunde, zwei Stunden – was spielte es für eine Rolle, wenn er erst ein Uhr in der Nacht zu Bett ging. Das wäre normal bei Tibetern. “Ein Tibeter braucht nicht viel Schlaf!”, war sein Credo. Aha! Jetzt weiß ich, warum ich als Deutsche zur Welt gekommen bin. Als Tibeterin wäre ich längst völlig umnachtet mit Augenringen durch die Welt gestolpert. Ich gehe kurz nach sechs aus dem Haus, dressiere jeden Tag etwa 24 Kinder und gehe gegen zwei Uhr mal mehr, mal weniger gestresst heim, um mit L., meinem Sohn, zu spielen, aufzuräumen, Essen zu machen und schließlich, wenn L. im Bett ist, Arbeiten zu korrigieren, Unterricht vorzubereiten und Projekte zu planen. Gegen neun merke ich dann, dass ich eigentlich nichts für mich getan habe, dafür aber trotzdem schon längst zu müde bin. Letztlich wäre auch nur noch eine halbe Stunde Zeit, bevor ich mich vor den PC packe und bei Skype auf T. warte.

Ganz so, wie bei unserem ersten online Date. Ich habe es noch ganz deutlich in Erinnerung. Er saß da, seine Hände über sein weißes, schlabbriges T-Shirt gefaltet und nervte mich mit anzüglichen Fragen.  Dafür, dass wir uns das erste Mal wirklich sahen, fand ich das ganz schön dreist. Äußerlich wenig reizvoll für mich, hielt mich T. dennoch irgendwie bis zwei Uhr nachts vor der Cam, bevor ich schließlich ins Bett ging.

Am nächsten Morgen hatte ich ein zauberhaftes “Guten Morgen” von ihm im E-Mail Eingang. Auf mein “Morgen” und “Es wäre nichts gut daran, ich wäre ungenießbar” reagierte er genauso charmant und meinte, er würde mich schon weich klopfen, pfeffern und salzen, bis ich genießbar wäre.

Damit hatte er es tatsächlich geschafft.  Er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wäre ich nicht geübt im Tippen, hätten mir an diesem Tag sicher die Finger geblutet.  Ab da sahen wir uns fasst täglich auf Skype und sein Charme nahm mir jeglichen Stress.

Seit drei Jahren immer dieselbe Zeit, außer an den Tagen, an denen er in den Verein geht und trainiert oder wir tatsächlich zusammen sind. Seit drei Jahren hat er es auch äußerst selten geschafft unser Skype- DATE pünktlich wahrzunehmen. Weiß er noch immer nicht, dass ich Deutsche bin? Ich habe Pünktlichkeit in den Genen! Doch er kommt meistens unpünktlich und ich verliere immer die Ruhe. Kurz vor halb, nehme ich mir vor, es diesmal zu ignorieren und einfach schlafen zu gehen. Halb wächst die Hoffnung, dass er vielleicht doch plötzlich auftaucht und etwa 10 Minuten später würde ich ihm sogar noch das akademische viertel Stündchen zugestehen, wenn er sich dann wenigstens reumütig entschuldigen würde. Macht er aber nicht. Egal wie spät er ist. Wenn ich Skype schon ausgeschaltet habe, rufe ich ihn zumindest noch an und versuche ihm detailgetreu zu erklären, warum er mich damit nervt. Das dauert meistens bis Mitternacht und an mindestens 7 Stunden Schlaf für mich ist nicht mehr zu denken. Ich bin doch keine Tibeterin! Zum Trainieren kommt er allerdings auch nicht, was mich gerade innerlich etwas grinsen lässt.

Nun weiß ich nicht, ob Unpünktlichkeit wieder so eine typisch tibetische Eigenschaft ist. Glaubt man Shapaley und seinem Song Tsampa, liegt das alles nur daran, dass Yaks sehr langsame Beförderungsmittel sind. Hmmm. T. hat eigentlich ein Auto. Daran kann es wohl kaum liegen. Aber gute Gründe für sein Zuspätkommen findet er trotzdem immer. Die Liste geht von Arbeit, über Essen bei Amala, bis irgendwelche wichtigen Dinge, die er für seine Kinder erledigen muss. Mit denen kommt er am Wochenende meist auch erst gegen drei Uhr nachmittags nach draußen, wenn andere ihre freien Tage schon in vollen Zügen genießen. Während ich mich immer noch frage, in welcher Zeitzone er lebt, beteuert  er mir, dass es nicht persönlich ist und seine Familie auch immer auf ihn wartet, womit er nicht unrecht hat.

Amala macht Termine immer mindestens eine Stunde früher mit ihm aus. Und die kommt er dann auch zu spät, also eigentlich pünktlich. Im Urlaub geht vor einem gepflegten Training nichts vorwärts und selbst im Gardasee oder im Schwimmbad werden Karatetechniken geübt, während die Kids chillen. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Als ich dann letztens auf seinem Tablett PDF-Dokumente zum Üben der besten Schwimmtechniken fand und er vorm Bowling im Centerparc tatsächlich mein Smartphone wollte, um das Wichtigste dafür zu recherchieren, machte der Wahnsinn wieder Kleinholz aus meiner inneren Ruhe.

Bei der nächsten Gelegenheit besorgte ich mir im Buchhandel das Übungsheft “Zen in einer bewegten Welt” und nun zähle ich ganz nach der Anweisung achtsam Reiskörner von einem Becher in den anderen um meine innere Ruhe wiederzufinden. 1650, 1651, 1652, 1653…

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