Klischees – Vorurteile und wie ich sie gerne erfülle

Dass wir total unterschiedlich sind, wissen wir ja schon seit dem ersten Tag, dass wir total viele Klischees bedienen, fiel uns erst im Laufe der Zeit auf.

Je länger ich mit T. zusammen war, desto mehr musste ich den Kopf über ich selbst schütteln. Die viel zitierte deutsche Pünktlichkeit hatte ich ja schon beschrieben. Durch T. war mir jedoch erst aufgefallen, wie zwanghaft ich sie brauchte. Ich war vor jedem Termin mindestens ein viertel Stunde eher da, plante meine Wege und rechnete mit allen möglichen Eventualitäten. Nie im Leben hatte mich vorher einer meiner Freunde oder Familienmitglieder warten lassen. Mein Vater lief wie ein Schweizer Uhrwerk was seine Tages-, Wochen- und Monatsplanung anbelangte. Im Studium hatte ich gelernt, Schulstoff möglichst Sekunden genau in 45 oder wahlweise 90 Minuten zu stopfen und auf Arbeit regelte die Pausenglocke alles Übrige. Mir fiel also nicht im Traum ein, dass es Menschen geben könnte, die unpünktlich wären. Das war die Ära vor T. Er hatte die Gelassenheit eines Tibeters. Oder war es eher schon Schweizer Langsamkeit? Selten war er pünktlich, Planung fing für ihn, wenn überhaupt, am Tag des Termins an und Störungen im Zeitplan ließen ihn äußerlich so kalt wie ein Frozen Joghurt.

Ein weiteres Vorurteil, das T. ebenso charmant wie Nerven zermürbend erfüllt, ist die berühmte asiatische Zurückhaltung. Nennen wir es vielleicht eher Höflichkeit. Die fiel mir gleich am Bahnhof in LE auf, als er nach unserem allerersten Date wieder nach Hause fahren wollte und etwa dreimal zaghaft ausholte, um an der DB Information zu fragen, ob seine Zugverbindung aktualisiert werden könnte. So richtig schlau wurde die Dame daraus erst, als ich ihr gerade heraus und präzise die selbe Frage nochmal stellte und merkte wie T. mich halb erschrocken, halb bewundernd von der Seite anblickte. Noch einige Male erlebte ich ähnliche Situationen. T. sucht nach Informationen oder benötigt Hilfe und wartet anständig, bis er dran kommt und man seine höflichen Satzteile zu einem Gesamtbild zusammengefügt hat. Wenn mir wieder mal die Zeit im Nacken sitzt, unterbreche ich ihn mit meiner deutschen Direktheit und nutze die Holzhammer-Methode.

Inzwischen bin ich mir allerdings nicht mehr so  sicher, ob diese Höflichkeit ihren Ursprung in Asien oder in der Schweiz hat, weil ich auch bei Schweizern leichte Atemprobleme und Schweißperlen auf der Stirn feststellen konnte, wenn man ohne Umwege zum Punkt kommt.

Eine andere Form des Anstands beweist T., wenn er mich in der Öffentlichkeit nur mit geschlossenen Lippen küsst. So sehr ich es auch schon versucht habe, vor seiner Familie oder gar vor fremden Leuten sind leidenschaftliche Zungenküsse tabu. Wenn er es allerdings selbst auch nicht mehr aushält und ich genug Energie in verführerische Augenaufschläge und Zweideutigkeiten gelegt habe, werde ich kurzerhand in eine stille Ecke oder einen anderen Raum gezogen. Bei Abschiedsküssen am Bahnhof schiebt er seit Kurzem immer diskret die Hand vor unsere Knutscherei.

Selbst wenn ich immer sehnsüchtig den knutschenden Pärchen in LE nachschaue, ich habe mich langsam an meinen “sittsamen” Asiaten gewöhnt.

Wenn der wüsste, dass ich jetzt sogar einen kleinen Abstecher ins Schlafzimmer mache, würde er sicherlich knallrot anlaufen und nach Worten ringen. Asiatischen Männern sagt man ja so Einiges nach. Aus Anstand möchte ich nicht ins Detail gehen. Was ich aber dazu nach ausführlichen Studien mit nur einem Probanden sagen kann –  ES STIMMT! Selten hatte ich Liebhaber, die mit soviel Leidenschaft, Beweglichkeit, Kreativität und Ausdauer zur Sache kamen. Auch wenn wir uns zum Teil nur vier Tage im Monat sahen, möchte ich behaupten den deutschen Durchschnittswert deutlich zu heben. Und egal wann oder wie, mit T. kam ich immer genau auf den Punkt. Am Anfang unserer Beziehung ließ er im Bett endlich mal seine dominante Seite zum Vorschein kommen. Dabei wirkte Shades of Grey wie ein stümperhaftes Handbuch für Anfänger. Und JAAAA! Ich liebe es! Blind kann ich mich fallen lassen und die Experimente genießen. Dafür bin selbst ich bereit, einige Termine um ein paar Stunden zu verschieben. Unser Spielzeugschrank wurde im Laufe der Jahre immer voller.  Sein Selbstbewusstsein, seine Gier und die klare Umsetzung seines Verlangens treibt mir immer noch kleine Schauer der Ektase durch den Körper. Nicht weniger reizvoll finde ich allerdings die Gedanken an die Stunden in denen nicht mein Meister den Ton angibt, sondern er folgsam all meine Anweisungen ausführt.

Dass ich außerhalb des Schlafzimmers auch häufig die Hosen anhabe, macht ihm allerdings mehr Probleme. Ich organisiere, strukturiere und bringe Ordnung in sein Chaos. Auch da brechen die sprichwörtlichen preußischen Tugenden ungefragt aus mir heraus. Ich sortiere Unterlagen für T., entrümple die Wohnung, beschrifte Schrankfächer, damit er alles wieder findet und gebe den Kindern klare Anweisungen. Von Außen betrachtet kann ich dabei nur den Kopf über mich selbst schütteln und singen “Versuch’s mal mit Gemütlichkeit…”

Gern würde ich weitere Studien zu diesen Klischees machen und sie durch eine höhere Anzahl von Testpersonen bestätigen. Schlecht nur, dass ich meinen Lieblingsprobanden nie im Leben dafür eintauschen würde.

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