Der seidene Faden – Decke oder Galgenstrick?

Es hakt immer noch. Auch wenn T. am Morgen seine Redevolumen um ein Vielfaches überschritten hat, hocke ich unglücklich in meinem Bett. So richtig Gefühle rauslassen, gelingt ihm nicht.  Er, der vor mir kaum träumte, berichtete mir von seinen nächtlichen Träumen mit mir, beantwortete bereitwillig meine Fragen und behauptete, dass seine Vorsätze sich zu ändern keine Frage des Konjunktivs sondern konditional wären. Nachdem wir etwa anderthalb Stunden geschrieben und ich nebenher geputzt und gebügelt hatte, stellte er sich dem alltäglichen Kampf mit seinen Kindern. Ich erledigte meine Sachen und sendete ihm zwischendurch den Link zu “All of me” von John Legend, um ihm ein paar Ideen für hingebungsvolles Verhalten zu liefern.

Die Antwort war ein zwinkernder Smiley mit Kussmund und Herz. Offenbar hatte er seine Worte für diesen Tag wirklich schon verbraucht.

Bei mir hatte das im Moment noch nicht wirklich Verzweiflung zur Folge. Ich ging Spazieren, machte mir später Essen und las Zeitung. In einem Prospekt fiel mir ein günstges Angebot für eine Schultertasche auf. Sofort rief ich T. an, da ich wusste, dass seine Tochter ein neues Exemplar für die Schule suchte. Am Telefon empfing mich Frosti der Schneemann und die Eiskönigin. Die bisher fehlende Schultertasche war zum Kriegsgegenstand geworden. Während ihre königliche Hoheit munter vor sich hinschimpfte, schwieg mein Schneemann mit Ausnahme des Hinweises auf ihre Hausaufgaben. Mein Vorschlag war für die Durchlaucht ebenfalls nicht ausreichend, weil farblich unpassend, sodass das Gezeter weiterging.

T. quittierte das mit einem entsprechenden Kommentar und…. Nein, er trainierte nicht! Er arbeitete weiter und wies mich direkt darauf hin, dass er zu tun hatte. Krach…Eine Synapse in meinem Kopf verglühte und der seidene Faden an dem unsere Beziehung im Moment hing zitterte bedrohlich.

Ich schrieb ihm über Whatsapp, wie dankbar ich für seine netten Worte wäre und erhielt ein: “Es war nicht so gemeint. Ich ruf dich in 10 min. an!”.

Grrrmpf!

Am anderen Ende war immer noch Frosti, der sich nach einigen Beschwerden dazu durchrang, über seinen Tag zu berichten. Zwischendurch hörte ich ab und an das Klappern seiner Tastatur. Mein Faden begann wieder bedenklich zu schwingen und die entstehenden Töne sangen ein Lied von Hingabe und Respekte. Da ich von Saiteninstrumenten so gar keine Ahnung habe, bin ich nicht wirklich begeistert von dieser Tatsache.  Doch ich habe Angst, dass irgendwann der Faden reißt. Viel lieber hätte ich eine fette Spule davon, um damit eine herrliche weiche Decke zu weben, ein Nest zu bauen, aber offenbar wird es mir doch zum Strick.

Wie meine Oma immer sagte: “Langes Fädchen, faules Mädchen!”

In Zukunft greife ich vielleicht doch lieber auf Lego zurück.

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