Glasfaser

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Langsam gehe ich durch die breiten grauen Gänge. Die orangrote Beleuchtung hilft mir kaum das Nötigste zu sehen. Überall an den Wänden hängen Bilder von tiefbraunen Augen, grau schattierten Haaren und wohlgeformten Schultern. Der Duft von Nähe zieht wie ein längst vergessener Nebel an mir vorüber.  Das organische Material der Gebäude ist brüchig geworden,  kaum 4 Jahre haben die Rohstoffe gehalten.  Mit einer Spraydose gehe ich von einem Streckenabschnitt zum anderen und markiere sie. Vorallem die synaptischen Übergänge zum Amygdala-Komplex und zum Hypothalamus-Areal sind von der fortschreitenden Degeneration betroffen.  “ER HAT UNS AUFGEGEBEN.”, schreibe ich an die inzwischen achtspurig befahrbaren grauen Bahnen, die ebenfalls durch hochwertige, leistungsfähige und weniger anfällige Glasfasern ersetzt werden sollen.  Die Maschine rattert monoton.  In seltenen Abständen schickt die emotionale Guerilla Molotowcocktails in meine Richtung, um meine Arbeit zu torpedierten. Doch ich kann mich nicht aufhalten lassen,  mir kein Zögern erlauben.  Wenn die Zeit abgelaufen ist und ich meinen Körper nicht verlassen habe,  werde ich mit ihm zugrunde gehen.  Die große Maschine.  Sie kam in Einzelteilen zu mir nach Hause.  Zunächst bemerkte ich ihre Anwesenheit kaum, die organischen Netzwerke funktionierten und kleine Fehler glich ich mit Veränderungen im Protokoll aus. Bis das Protokoll fast nur noch aus Halbwahrheiten und Hoffnungen bestand. Während die rechte Hand Potjemkinsche Dörfer für mich selbst baute, arbeitete die linke an der großen Maschine. Mit jedem Zweifel wurde ein neues Teil geliefert. Heute Morgen war sie fertig.  Ich legte mich aufs Bett und schloss mich selbst an. Mein unruhig zaudernder Motor, der sich auf die Seite der Guerilla geschlagen hatte,  pumpte immer schneller,  doch die Maschine übernahm schnell seine Funktion und leitete Sauerstoff und Plasma über neue Versorgungsleitungen um. Die betroffenen Gebiete legte die große Maschine für wenige Minuten still. Hier war es meine Aufgabe aufzuräumen,  Altlasten zu entsorgen und durch Hochleistungstechnik zu ersetzen.  Über mir knallte das Feuer der Geschütze.  ER HAT UNS AUFGEGEBEN. ER HAT UNS AUFGEGEBEN. ER HAT UNS AUFGEGEBEN.
Ich war zu langsam,  zu unentschlossen,  wusste nicht,  was es wert war zu retten…
…und ich merkte, wie die letzten Sekunden meiner Zeit tickten.
Die große Maschine würde die lokale Betäubung nicht abbrechen,  bevor ich fertig war. Doch mehr als 3 Minuten würde mein Körper nicht verkraften.
2:57…
2:58…
2:59…
Mit letzter Kraft sprühte riss ich mit links ein paar warme, weiche Lippen von der Wand und umklammerte sie, während ich mit rechts sprühte “Ich hab nie aufgegeben.”

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