Stille Wasser

 

Gern verweile ich an deinen Ufern, um mich von der Hektik des Alltags zu erholen. Unscheinbar und klar ist dein Gewässer. Oft habe ich das Gefühl, dass du nur auf mich wartest. Deine stillen Wasser umspülen meinen Körper und schmeicheln meiner Seele. Ich vertraue mich dir an. Eine sanfte Berührung meiner Finger löst unendliche Wellen aus, die dich sanft erzittern lassen, doch gibst du mir dein Innerstes nicht preis. Ich erblicke mein Spiegelbild. Sehe mich, so wie du mich wahrnimmst. Oder sehe ich nur, was ich sehen will? Wie damals Narziss,  gibst du mir nur ein Abbild von dem, was ich bin.  Zeigst mir die Sonne, die meine Haut wärmt und ihr einen goldenen Glanz verleiht. Aber ich weiß, dass auch Schatten dieses Licht begleiten.

Unschuldig als würdest du dies nicht sehen, ziehst du deine Kreise. Doch ich will mehr. Leise flüsternd, kindisch murmelnd, wild brausend, antwortest du mir in tausend Zungen auf meine Fragen und gibst mir trotzdem keine Antwort. Erzählst mir nur, was ich hören will oder verschweigst mir ganz, was dir nicht über die Lippen kommt.

Verspielt schiebst du bunte Kiesel an den Strand und ziehst sie doch sofort  zurück in die Tiefe, ohne dass ich ihre schillernden Farben mustern  und ihre weichen Formen über meine Hände gleiten lassen kann. Immer wieder bringen die Wellen deine Schätze zu Tage und locken mich an, nur um sie mir augenblicklich zu entreißen.

Du hältst mich zum Narren. Gaukelst mir vor, ich hätte begriffen, was sich unter deiner Oberfläche verbirgt, indem du mir diese Brocken zuwirfst und mir keine Gelegenheit gibst, sie genauer zu betrachten.

Doch nicht umsonst sagt man, stille Wasser sind tief. Auch wenn ich nicht gleich Moses die Wellen teilen und zum Grund vordringen kann, weiß ich, dass du Geheimnisse birgst.

Ich fürchte sie, kann mich aber nicht von dem Gedanken lösen, sie zu ergründen, unter deine Oberfläche zu tauchen. Ich wünschte, ich könnte widerstehen.

Stück für Stück umspülst du meinen Leib.  Deine Ufer sind flach. Noch gibst du nicht preis, was ich dir bald entreißen werde. Wie eine Warnung ziehen dunkle Wolken auf und die Luft wird kalt. Ich habe dich also an einer empfindlichen Stelle getroffen. Langsam tauche ich ein. Ich entferne mich immer weiter vom Strand. Die Luft wird knapp und ich kann die Hand vor meinen Augen kaum sehen. Kein Ton dringt mehr zu mir vor. Habe ich mich zu weit vorgewagt?

Trotzig ziehen mich deine Strudel nach unten. Ich spüre, dass du es nicht zulässt, dass ich bei meiner Rückkehr verrate, was du seit Ewigkeiten hütest. Ich kämpfe gegen die Strömung. Auch du hast mich unterschätzt. Meine Hände berühren fast kraftlos deinen Grund. Deine Wasser wissen, sie haben verloren. Ich kenne dich und deine Geheimnisse.  Melodisch höre  ich dein Herz schlagen und fühle mich plötzlich so frei. Sauerstoff schießt in meine Lungen und Algen schlingen sich um meine Glieder.  Unsere  ewige Freundschaft ist damit besiegelt. Ein helles Leuchten durchzieht deine Tiefen, als Zeichen deiner Zuneigung, während ich ein letztes müdes Lächeln aufbiete und mich dir schließlich auch ganz anvertraue.

Advertisements
This entry was posted in Fiktion and tagged , , , . Bookmark the permalink.

4 Responses to Stille Wasser

  1. albamila says:

    Du kannst so gut schreiben! Hat mir wirklich gut gefallen 🙂

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s