Galerie

Im großen, lichtdurchfluteten Raum ließ sich kein Staubkörnchen finden, die Einrichtung sah aus wie aus einem Versandhauskatalog und in der Luft konnte man stets den Duft von Blumen oder frischgebackenem Kuchen erahnen. An den Wänden hingen die Rahmen mit meinen Promotionsurkunden und die Regale waren gefüllt mit meinen Publikationen.  Meine wissenschaftliche Karriere verlief rasant und gradlinig, was ich nicht zuletzt meiner klaren, strukturierten und rationalen Art verdanke. Meine Vita war Vorbild für viele und die Verlage stritten darum, meine Biographie zu veröffentlichen. Das Konto war mehr als gedeckt, diverse Versicherungen schützen mich für Ernstfälle und wöchentlich erreichte mich der Ruf einer neuen Universität. Stets frisch frisiert und gesalbt mit den besten Ölen passte ich natürlich perfekt in diese Welt.

Freunde und Verwandte  beneideten mich für dieses Leben. Oft kamen sie zu mir, um sich Ratschläge für ihr scheinbar unzulängliches Dasein geben zu lassen, denn ich hatte alles erreicht, was man sich vorstellen konnte. Fremd und zögerlich gingen sie durch mein Haus, so wie du heute. Sie genießen den Ruhm der abfällt, wenn sie sich in meinem Glanze sonnen und sie gehen, mit dem festen Ziel ihr eigenes Leben zu verändern.

Dich möchte ich heute nicht einfach so gehen lassen, da du etwas Besonderes für mich bist. Ich vertraue dir etwas an, das ich bisher noch keinem gezeigt habe. Meine Sammlung steht kurz vor der Veröffentlichung in einer der berühmtesten Galerien der Welt. Monatelang habe ich dafür mit Kunsthändlern und Galeristen hart verhandelt.

Es war ein zähes Ringen, denn keiner von ihnen wusste, was für unermessliche Werte ich ihnen bieten würde. Nie haben diese Kunstwerke zuvor die Sinne eines anderen Menschen erregt. Nur ihre Gier, meine Reputation und der Lauf der Zeit haben schließlich dazu geführt, dass die Uffizien in Florenz meine Ausstellung unter Vertrag genommen haben, ohne sie je gesehen zu haben.

Ich vertraue dir, daher werde ich dir heute meine Schätze zeigen.

Ich merke, du bist erstaunt. Dachtest du doch du kennst mein Haus und mein Leben in und auswendig. Doch du hast dich getäuscht.

Komm mit mir in den Keller, du wirst sehen, was sich darin verbirgt.

Ich kann die Gier auch in deinen Augen erkennen, ebenso wie die Enttäuschung, als wir vor meinem alten Brunnen stehen bleiben.

Du findest nichts in meinem Keller, was dich interessieren könnte? Du hast Recht, denn wir sind noch nicht an unserem Ziel angelangt. Wir müssen die Unterwelt betreten.

Belustigt schaust du mich an. Du glaubst, ich würde Scherze mit dir treiben, doch du irrst.

Ich hebe mein rechtes Bein über den Brunnenrand, während du dein Handy zückst. Du bist davon überzeugt, dass ich den Verstand verliere, doch wieder täuschst du dich. Leg dein Handy weg, vertrau mir und fass Mut mir zu folgen.

Nach und nach verschwinde ich im Brunnen und ich höre, dass auch du die eisernen Stufen der eingefassten Leiter betreten hast. Die Neugier treibt dich ins Ungewisse.

Am Grunde angelangt, wird es etwas dauern, bis deine Augen wieder etwas wahrnehmen können. Licht gibt es erst in meiner Galerie. Doch ich versichere dir, wir befinden uns in einem normalen Raum.

Langsam schiebe ich den schweren roten Samtvorhang zur Seite. Wie schade, dass du nicht so an die Dunkelheit gewöhnt bist wie ich. Wir stehen vor einem der wundervollsten Tore zur Unterwelt, dass je geschaffen wurde. Lass deine Hände wahrnehmen, was dir deine Augen verwehren. Über 5000 Jahre alt ist diese Tür aus Ebenholz. Über Generationen wurde sie gehütet und gepflegt. Kaum jemand weiß von ihrer Existenz und ihrer Bedeutung. Die Intarsien sind gut erhalten. Du kannst Asarualim, den sumerischen Gott des Wissens, fühlen. Spürst du ihre Macht in den Fingerspitzen. Asarualim bewacht geheimes Wissen, wie er es schon seit Jahrtausenden tut.

Lass mich die Tür öffnen und warte einen Moment. Ich werde die Gasflamme entzünden. Tritt einen Schritt zurück, der Raum ist klein und ich muss die Tür schließen, damit wir uns bewegen können.

Ich weiß nicht, wie ich deine Gänsehaut deuten soll. Ist es die Kälte im Raum, das Entsetzen oder die Freude über meine Schätze?

Ich sehe, dass du dir nicht bewusst bist, was deinen Sehnerv reizt.

Es sind Fehler. Ich habe sie alle selbst gemacht.

In jedem Einzelnen von ihnen steckt meiner Hände Arbeit. Sieh sie dir an.

Die kleinen, kaum sichtbaren, blau flackernd, durchzuckt von Blitzen  dort drüben im Setzkasten sind aus Angst. Sie stammen aus einer frühen Periode. Sie sind sehr kostbar, weil sie sehr alt sind. Ich möchte sie nicht missen. Oft stehe ich vor ihnen und betrachte sie, denn ich weiß, wie viel mich ihre Erschaffung gelehrt hat.

Links von dir im Regal, die bunten, zuckenden sind aus Übermut entstanden. Ich habe sie gern gemacht und würde es immer wieder tun. Wenn ich sie sehe, muss ich lachen.

Unter ihnen auf dem Boden, die schweren, schwarzen Klötze bestehen aus mangelndem Wissen. An ihnen habe ich schwer zu kauen. Sie gehören zu meinem Werk, wie all die anderen, doch ich vermeide es neue von ihnen zu produzieren.

Vorsicht! Ich habe geahnt, dass das geschehen würde. Hier kannst du deine Hände reinigen. Ich kann deinen Ekel fühlen, doch der grüne Schleim ist nicht gefährlich. Nur Egoismus, Neid und Gier haben sich darin vereinigt. Diese Fehler tauchen in allen Schaffensphasen auf.

Ich bin stolz auf diese Sammlung, während du dich angewidert davon abwendest. Am liebsten möchtest du gehen, flüsterst du mir zu. In diesem Augenblick fällt dein Blick auf eine große, hell erleuchtete Glasvitrine. Langsam bewegst du dich in ihre Richtung. Deine Sensationsgier hat dich gepackt. Wie Schaulustige bei einem Verkehrsunfall, kannst du nicht erwarten den größten meiner Fehler zu erblicken.

Doch zu deiner Enttäuschung ist die Vitrine leer. Kein Staubkorn befindet sich darin. Gespannt gehst du immer näher an den großen Kasten. Mit einer sanften Bewegung schiebe ich dich hinein. Du schaust dich erschrocken um. Verwirrt von meinem unerwarteten Verhalten kannst du dich nicht rühren. Das habe ich gehofft. Mein Kuss auf deinen Lippen sollte dir eigentlich als Erklärung genügen. Doch du schaust mich immer noch fragend an, während ich die Glastür in aller Eile schließe.

Im Gehen flüstere ich dir zu: „Die größten und schönsten Fehler macht man aus Liebe.

Masterpiece

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