Erleuchtet

Langsam löst sich die Träne von meiner Nasenspitze. In ihr spiegeln sich die Arbeit, die Anspannung und die Erkenntnisse von Tagen. Ich sitze da und kann mich nicht rühren. Wie im Zeitraffer sehe ich sie fallen, sehe mich.

Ich sitze auf dem Boden und füge aus leuchtend buntem Sand Kreise und Muster zusammen.

Die Schatten an der Wand kämpfen mit dem umgebenden Licht. „Und du schweigst.“

Meditativ rezitiere ich immer wieder „…denn alles, was entsteht, ist wert,  dass es zugrunde geht“.

Meine Finger schmerzen und verkrampfen sich, kaum können sie mein Werkzeug halten. Die Hände sind rau und rissig, mein Mund trocken. Seit Stunden spüre ich meine Beine nicht mehr und meine Gedanken drehen sich im Kreis.

Die Schatten werden größer. Die Wärme hinter meinem Rücken schwindet. Mir ist kalt.  Die Arbeiten am Palast sind beendet. „Dein Schweigen verhöhnt mich.“

Ich beginne mit dem Aufbau des reinen Landes. Mein Mandala nimmt Kontur an, doch meine Augen widersetzen sich diesen. Wieder und wieder verschwimmen die Farben in meinem Blickfeld und lassen nur schemenhafte Darstellungen zurück.

Die Schatten tanzen. Ich höre sie wispern. Oder betrügen mich meine Sinne?  Ich darf mich von ihnen nicht ablenken lassen.  „Wann gibst du dich zu erkennen?“

Der Sand duftet nach Erholung, Urlaub, Kindheit. Ich nehme den Geschmack von frischen  Früchten auf meiner Zunge wahr. Seit Tagen habe ich meinen Platz nicht verlassen. Habe jedes menschliche Bedürfnis vernachlässigt.  Die einzige Gesellschaft ward ihr,  meine treuen Schatten. „Oder hast du sie geschickt, um mich abzuhalten?“

Ich muss meine Arbeit fortsetzen. Die Lider fallen mir  immer wieder zu. Kurze Sequenzen meines Weges werden zu langen Szenen einer Erkenntnis.  Im Traum sehe ich das Ende meiner Wanderung.

Ich schrecke hoch bevor meine sterbliche Hülle das Unvollendete zerstört und die Schatten erneut ihre Kreise ziehen können. „Ist das dein Ziel?“

Beharrlich verbinde ich die bunten Körner zu einem großen Bild und auch mein Geist verknüpft die Einsichten der vielen Nächte zu einem Ganzen.

Das Licht zieht sich zurück und die Schatten gehen mit ihm. „Was sagst du nun? Rede mit mir! Die Zeit ist gegen dich!“

Ich bin am Ende angekommen. Plötzlich ist alles so klar. Eine Träne  rinnt mir aus meinen weit geöffneten Augen. „Hörst du mich?“, flüstere ich.

Dein mächtiges Schweigen wird von einem ängstlich zitternden Windhauch begleitet.

„Hörst du mich?“ schreie ich dich an.

Meine lahmen Muskeln beben als ich mich erhebe und mit einer entschlossenen Handbewegung das Mandala zerstöre, noch bevor die Träne den Boden berühren kann und alles verwischt.

Langsam verlasse ich meine Höhle und lasse dich darin zurück.

Das Echo meiner letzten Worte hallt mir noch eine Weile nach.

„Vergib mir. Ich habe erkannt.“

Advertisements
This entry was posted in Uncategorized and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

3 Responses to Erleuchtet

  1. Du hast eine wirklich beeindruckende und faszinierende Art zu schreiben.

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s