Momente

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Dieser Moment wird nicht lang andauern. Und wieder kommen wird er auch nicht. Das weiß ich genau. Deswegen lohnt es sich nicht darauf zu hoffen oder schon gar nicht, ihn zu erleben.
Rational analysiere ich die Fakten. Ich binde meine Haare zu einem Pferdeschwanz und schiebe die Brille gerade.
Seit 72 Stunden bin ich in der Stadt. Abgesehen von einem kleinen Ausrutscher habe ich mich keiner Schwäche hingegeben.
Ich bin konsequent geblieben und habe keinem flüchtigen Moment der Sehnsucht die Chance gegeben meine hart erarbeitete Stärke zu vernichten, um in alten Ängsten Schweiß gebadet und durchtränkt von Tränen aufzuwachen.
Seit etwa einer Woche trage ich einen neurosynaptischen Emotionentransformer in meinem Kopf. Es ist ein Prototyp. Die Forschung hat sich zu dieser Technik bekannt, um ein wirksames Mittel gegen emotional basierende Gewalt zu entwickeln.Vielleicht, so hofft man, kann man irgendwann sogar Kriege damit verhindern. Ich habe mich als Testperson gemeldet, um zu verdrängen, zu vergessen.
Der Emo wie er kurz und liebevoll von seinen Entwicklern genannt wird, soll mir bloß helfen, rational zu werden und die Gefühle zu unterdrücken.
Bunte Blätter tanzen vor den Fenstern meiner Unterkunft. Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal mit dir im Herbst spazieren ging. Damals schien die Zeit still zu stehen.
Ich beginne zu träumen. Meine Gedanken schweifen ab. Ich im Park mit dir, nur wir beide. Du an meiner Hand. Mein Herz pocht.Halb verwegen, halb zaudernd hüpft es wie ein frisch verliebtes Pärchen durch die grüne Flur. Unser losgelöstest Lachen klingt in meinem Ohr. Gefolgt von einem stechenden hellen Schmerzen unter meiner Schädeldecke.

Reaktionszeit 30 Sekunden. Inzwischen ist der Emo immer besser kalibriert. Keine Gedanken die Sehnsüchte oder Emotionen wecken lässt er länger als eine Minute zu, bevor er sie mit Schmerzen bestraft.
Angst, Tränen oder Wut kann ich mir in diesem Moment nicht leisten. Ich muss mich selbst beherrschen und jegliche Gefühle kontrollieren, um nicht in einer endlosen Schleife von Emotionen und Bestrafung zugrunde zu gehen.
Mit Eingehen der Testphase habe ich mich vertraglich verpflichtet die Firma NeurSynaptics Inc. von jeder Haftung in Folge körperlicher Schäden verursacht durch den Emo zu entbinden.
Drei Monate wurde ich zuvor mit anderen Probanden getestet.Körperliche Stärke, Willenskraft,aber auch emotionale Intelligenz wurde bewertet und geeignete Testpersonen selektiert.
Jeder bekam mit Testbeginn 500.000 € überwiesen. Doch ich tue das hier nicht wegen dem Geld. Ich will einfach nur vergessen.
Im Zimmer piept und rattert ein Gerät,bwas permanent meine Hirnaktivität überwacht. Deine Firma betreut die IT Komponenten des Versuchs. Mein Blick fällt auf das Firmenlogo. Innerhalb von 2 Sekunden muss ich daran denken, wie ich dich damals im Büro besuchte und ohne Sicherheitskontrollen, Ausweis oder offizieller Begleitung am Portier vorbei kam. Ich spüre, wie ich mich aufgeregt ins Gebäude vortaste und still in der Ecke der Cafeteria warte, bis dein Blick auf mich fällt. Ich erröte. Und ein intensiver Schmerz durchflutet mein Gehirn.
32 Sekunden Reaktionszeit.
Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht, dass ich nach 10 Jahren immer noch beim Gedanken daran erröten würde.
Kontrolle ist nötig.
Mein Körper fühlt sich nach dieser Woche schlapp und ausgelaugt.
Ich entscheide mich, die nächsten zwei Stunden im hauseigenen Schwimmbad zu verbringen.Danach ein ausgiebiger Saunagang und schließlich ins Bett.
Ich schwimme 50 Bahnen bis mir unsere Wettkämpfe im Bad einfallen. Um nicht wieder einen Schlag vom Emo zu bekommen, lege ich an Tempo zu und konzentriere mich auf meine Zeit.In der Sauna kann ich es dann leider nicht mehr vermeiden, dass der Emo mich bestraft, als mir mit erregtem Körper deine sanften Massagen im Spa in den Sinn kommen.
25 Sekunden Reaktionszeit.
Meine Selbstkontrolle schwindet langsam.
Als ich auf dem Weg nach oben an der Lobby vorbei komme, spaziert im auf der Straße ein frisch getrautes Brautpaar vorbei. Ich sehe ihre glücklichen Gesichter. Ein kleines Mädchen stolpert ungelenk mit einem Blumenkorb hinter, bis der Bräutigam es sanft auf seine Schultern setzt und seiner Frau einen Kuss gibt.
Sehnsuchtsvoll träume ich diese Szene weiter, wie schon so oft zuvor. Ich denke an deine starken Arme, die mich über die Schwelle heben werden und die ungeheuere Aufregung der ersten Nacht. 21 Sekunden.
Ich sollte mich kontrollieren.
Deine Hände auf meine weißen Kleid und das Funkeln in deinen Augen. 19 Sekunden.

Der Emo spielt sich ein.
Deine warmen, bebenden Lippen auf meiner Haut. 15 Sekunden.

Meine Hände krampfen. Im Moment habe ich über nichts wirklich Kontrolle.
Der Schmerz geht in ein einziges Fluten über. Nicht mehr punktuell sondern fließend erreichen die Reize mein Gehirn.
Das erste Mal als deine Frau in deinen Armen. Ich lächle beim Gedanken daran.
7 Sekunden
….

Vorläufiges Abschlussprotokoll:
23.11.2023, 16:45
Proband 0452
-verstorben in Hotelhalle
-Selbstkontrolle defizitär
-Emo ausbauen und erneut verwenden
– genauere Informationen nach Analyse der Hirnaufzeichnungen

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