Gnoseozid

Als meine Augen das letzte Mal Tageslicht erblickten war es Mittag. Ich beaufsichtigte meine Schüler auf dem Hof, als ein dunkler Transporter mit quietschenden Reifen vor dem Schultor hielt. Erstaunt  und erschrocken blickten die Kinder auf.

In den wenigen Sekunden, die ich hatte darüber nachzudenken, wurde mir bewusst, was kommen würde. Da ich keinen Ausweg sah, versuchte ich zumindest ohne Gegenwehr meinen Weg mit den schwarz maskierten Menschen anzutreten.

Ich warf meinen Lieblingsschülern einen aufmunternden Blick zu, während ich unsanft in den Wagen geschubst wurde. Im Inneren wurde mir ein Sack über den Kopf gezogen und die Hände mit Kabelbinder gefesselt. Meine Begleiter nahmen ihre Masken ab und die Fahrt begann.

Ich versuchte meine Gefühle zu ordnen und die Tränen zu unterdrücken. Ich hatte immer gewusst welche Folgen mein Handeln haben könnte. Nun war der Moment gekommen.

Oft hatte ich von meinen Freunden Geschichten darüber gehört, was mit den Unbeugsamen passieren würde. Hinter vorgehaltener Hand wurden sie mit Warnungen weiter gegeben. Selten wusste ich, was davon Realität und was Erfindung war. In meinem Tatendrang, meinem Übermut und meiner Selbstsicherheit hoffte ich sogar, dass die Erzählungen Märchen des allmächtigen Systems wären, um mit einfachen Mitteln abzuschrecken.

Jetzt sollte ich am eigenen Leib erfahren, dass es anders war. Das System griff zu drastischeren Mitteln als Märchen in die Welt zu setzen. Mein eigener Leib sollte für Tage das Einzige sein, was mir an Materiellem von meinem alten Leben blieb.

Man hatte mich unsanft entkleidet, mir meinen Schmuck entrissen und mir meine Tätowierung entfernt. Über meinem Herzen hatte ich vor Jahren den Schriftzug „Sapere aude“ stechen lassen. Mit einem kleinen Messer machte sich einer meiner Mitfahrer daran ihn mir aus der Haut zu schneiden. Die unerträglichen Schmerzen dieser Prozedur führten dazu, dass ich mein Bewusstsein verlor. Nachdem ich wieder zu mir kam, fühlte ich mit meinen Hände an die brennende Stelle auf meiner Brust. Auch wenn ich meinen Leitspruch auf sehr unsanfte Weise verloren hatte, so hatte man mir zumindest einen professionellen Verband angelegt.

Ich wusste nicht wie viel Zeit seit meiner Abfahrt vergangen war, doch die Minuten im Wagen zogen sich hin. Niemand sprach. Alle Beteiligten schienen wie Rädchen in einem System zu funktionieren und mir war es zu müßig nachzufragen, was mit mir geschehen würde, da ich doch all die Märchen schon auswendig kannte.

Ich zog mich in meine Gedanken zurück. Mit einem Lächeln erinnerte ich mich an den Beginn meiner Arbeit. Damals saßen erstmals vierundzwanzig ängstliche kleine Menschen vor mir. Eingekleidet von Mama und Papa, Ideen im Kopf, die nicht ihre waren und Hoffnung in den Augen, die ich unschwer enttäuschen wollte. Sie sollten bei mir nicht nur Lesen, Rechnen und Schreiben lernen, sondern mündig werden ihr eigenes Leben zu führen. Ich nahm sie auf, als gehörten sie zu meiner Familie. Sie fassten Vertrauen zu mir. Teilten Glück und Leid mit mir und schilderten mir ihre Träume.  Wie ein Chirurg nahm ich mir diese und zergliederte sie. Anfangs allein, später mit Hilfe der Kinder. Gemeinsam prüften wir sie auf Herz und Nieren und nur die, die unseren Prüfungen standhalten sollten, erhielten ein Recht auf eine wirkliche Existenz.

So wurden die Kinder größer und selbstständiger, hinterfragten ihre Welt und das, was sie ihnen vorgab und formten eigenen Vorstellungen vom Sein. Während ihre Individualität wuchs, merkte ich immer mehr, dass es dem System nicht gefiel, dass sie aus der Reihe tanzten. In meiner Klasse atmete keiner im Gleichtakt der großen Industrie. So war es und so ist es bis heute.

Diese Erinnerung gab mir Mut. Ich wusste der Samen war gesät.

Von einem kalten Windhauch gestreift, musste ich meine Gedanken jäh unterbrechen. Man packte mich am Arm und schob mich aus dem Wagen. Jetzt erst merkte ich wie meine Blase drückte. Ich bat darum mich erleichtern zu dürfen, als ich im nächsten Moment in die Hocke gedrückt wurde. „Mach schon!“ fuhr man mich unwirsch an. Aus dem danach folgenden Schweigen merkte ich, wie ernst die Lage war und das ich für meine menschlichen Bedürfnisse keine andere Gelegenheit bekommen würde. Voller Scham urinierte ich nackt, blind und mit gefesselten Händen dort wo ich abgesetzt wurde. Kurz darauf wurde ich hoch gezogen und über Gleisanlagen geführt.

Als ich schließlich stehen bleiben durfte, wurde mir die Kopfbedeckung entfernt. Meine trüben Augen sahen den Nachthimmel und einen im Flutlicht erstrahlten ICE. Ich wurde in den Wagon gedrückt.

Etwa 60 bis 70 andere Menschen saßen nackt und angekettet im umgebauten Abteil auf dem Fußboden. Niemand sprach. Die Wände des Zuges waren mit Projektionsflächen ausgestattet auf denen Filme zu sehen waren.

Der Zug fuhr los und ein neuer Film begann. Die Stille wurde von Disneys  munteren Helden unterbrochen, die über die Leinwand flackten, begleitet von kurzen Werbesequenzen mit glücklichen Menschen, die ihre strahlend weiße Wäsche, ihre gesunden Zähnen oder die neusten Modetrends präsentierten. Ich ahnte wohin das führen sollte.

Bewusst wurde es mir erst, als in unregelmäßigen Abständen und kaum erkennbar Wortfetzen eingeblendet wurden. Sie sendeten unterschwellige Botschaften. “ Join the system“, „Tritt bei“, „S’inscrire“  In unterschiedlichsten Sprachen und Formulierungen hat die Wortblitze doch nur einen Sinn. GLEICHTAKT.

Ich versuchte meine Augen zu schließen und mich davor zu verschließen, als ein starker Schmerz meine Hände durchfuhr.  Erschrocken öffnete ich meine Augen und der Schmerz ließ nach. Meine neuen Ketten hatten mir einen Stromstoß verpasst. Ich schloss erneut meine Lider, um in Sekundenschnelle von noch stärkeren Qualen durchbohrt zu werden. Mein Körper war durch die lange Fahrt und die Torturen, die ich bereits erlebt hatte, geschwächt und so beschloss ich, dass ich für heute meine Lektion gelernt hatte.

Brav schaute ich mir alles an, was die schöne neue Welt für mich bereithielt. Doch in Gedanken lief mein eigener Film. Ich erinnerte mich an meine Kindheit und an meine Mutter, die jeden Abend an meinem Bett saß und mir das Wissen und die Erkenntnisse der Welt zu Füssen legt. Sie las die großen Werke von Platon, Descarte, Kant, Schopenhauer, Nietzsche genauso wie Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder Ronja Räubertochter. Nach jeder Lesung sang sie mir ein bestimmtes Lied vor. Dieses Lied wurde nun zu meiner inneren Insel von der mich niemand vertreiben konnte. Die Stimmen zehntausender Menschen, die sangen „Die Gedanken sind frei“, hallten als Chor durch meinen Kopf und trugen meine Insel.

Als die Nacht ihr Schatten zurückzog, hielten wir in einer öden Gegend. Alle mussten aus dem Zug steigen und wurden in eine große Lagerhalle gebracht. Das fahle Neonlicht fiel auf etwa 5000 Menschen in weißer Kleidung die uns mit müden Augen anstarrten. Wir wurden gemeinsam in einen kleinen Raum gequetscht.

Angst stieg in mir hoch. Die Geschichte hatte mich gelehrt, dass Situationen wie diese ein böses Ende nehmen können. Bevor ich kollabieren konnte, fing mich mein Nachbar auf und gab mir mit einer kurzen Umarmung zu verstehen, dass ich nicht alleine war. Dann kamen Aufseher. Die Fesselns wurden entfernt und wir erhielten ebenfalls weiße Kleider. Die Wärme des Stoffes tat gut. Ich fühlte wie mein Magen knurrte.

Als alle angezogen waren, wurden wir gemeinsam wie Kälber in einen großen Speisesaal getrieben. Auf langen Tischen standen Burgerpackungen für uns bereit und die Logos von McDonalds und Burgerking verkündeten die edlen Spender. Trotz meines Hungers konnte und wollte ich nichts essen. Meinem Nachbarn ging es ähnlich. Wir ließen unsere Speisen unberührt und wurden nach etwa einer viertel Stunde ohne Kommentar zurück in die Große Halle gebracht. Einfache Matratzen lagen zu tausenden auf dem Boden und die Wände waren mit Werbebannern geschmückt, wie in einer Arena. Bevor wir uns noch eine Minute auf unseren Liegen ausruhen konnten, hallten Klänge von Justin Bieber, Hannah Montana und Lady Gaga durch die Luft. Auf einer großen Bühne stand ein Tänzer, der Bewegungen vormachte, die von den alten Insassen bereitwillig ausgeführt wurden. Eine Leinwand ermöglichte, dass auch die Menschen im hinteren Teil alle Bewegungen genau sehen und nachmachen konnten. In großen Lettern prangte darüber „Dance for fans“. Ich weigerte mich zu folgen, hielt Hände und Füße still, als ich von hinten mit einem Gummiknüppel in die Kniekehlen geschlagen wurde. Wieder war es mein Nachbar, der mir still aufhalf und mir deutete ich solle mich nicht sperren. Während er tanzte flüsterte er mir kurz seinen Namen zu: „Adon“

Der Weise hatte mich also vor Schlimmeren bewahrt. Ich lächelte Adon an.

Nachdem die Übung endlich ein Ende hatte, befanden sich die ersten Opfer bereits in einem Glücksrausch. Sie nahmen ausgelegte Textilmalfarben, Nadeln und Scheren und gestalteten sich Kostüme, die denen der Stars sehr ähnlich waren. Während wir immer noch schwiegen, herrschte ein euphorisches Schnattern im Raum. Die nächste Mahlzeit stand bevor. Unilever und Kraftfoods hatten diesmal einen Beitrag geleistet.

Wieder konnte ich nichts anrühren. Adon ging jedoch einen Schritt weiter. Wahllos stopfte er alle Lebensmittel in sich hinein, um sie gleich darauf einem Aufseher vor die Füße zu kotzen. „Saper aude“ schrie er in den Saal, nachdem er sich den Mund abgewischt hatte.

Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ich ihn so gesehen hatte. Mehrere Männer packten ihn und zogen ihn zu einer Liege an der er verkabelt wurde. Vor allen Augen wurde mit Adon ein Schauprozess geführt. In kurzen Abständen jagte man starke Stromstöße durch seinen Körper. Als er wieder aufstand, war Adon nur noch eine Hülle.

Mir liefen die Tränen über die Augen und ich biss mir auf die Zunge, während mein Chor im Kopf sang

Ich denke was ich will

Und was mich beglücket,

Doch alles in der Still

Und wie es sich schicket.

 

In den nächsten Tagen und Wochen passte ich mich den Gegebenheiten an, bemalte und gestaltete Kleidung, aß was mir vorgesetzt wurde, bewunderte die Stars und tat, was die Aufseher befahlen. Der Chor sang. Gemeinsam mit Adon sangen sie um mein Leben.

Die Haftbedingungen lockerten sich und man erlaubte mir aufgrund guter Führung das Außengelände betreten.

Wie Hühner durften wir dort auf dem öden Land im Dreck scharren und die frische Luft genießen. Ein hoher Maschendrahtzaun grenzte das Gelände vom Rest der Welt ab.

Doch ich genoss die Zeit in „Freiheit“. Ich machte mir Gedanken über meine Zukunft, als plötzlich Kinder vor dem Zaun standen und uns anstarrten. Sie zeigten mit den Fingern auf uns und lachten. Steine, die sie auf dem Boden fanden, wurden zu Wurfgeschossen und ihre Freude steigerte sich ins Unermessliche, wenn einer von uns vor Schmerzen aufschrie. Im Hintergrund stand ein kleiner Junge. Mutig und angeberisch machte er sich daran einen besonders großen Schaden anzurichten. Überall auf der Erde suchte er nach einer Waffe, die noch mehr verletzen würde. An einem alten, knorrigen Apfelbaum wurde er schließlich fündig. Er riss einen Apfel vom Ast, zielte und traf mich damit an der Brust. Meine Wunde schmerzte. Ich bückte mich und hob den Apfel gierig auf. In Sekunden hatte ich ihn unbemerkt komplett verspeist und flüsterte dem verwirrten Jungen ein Dankeschön über den Zaun.

Er flüchtete. Am nächsten Tag sah ich ihn wieder. Unsicher stand er da und hielt einen neuen Apfel in der Hand. Diesmal warf er ihn in meine Hände, bevor er wie der Blitz verschwand.

Tagelang half er mir meinen Hunger zu stillen, während ich die Convenience-Produkte der Großküche stehen ließ. Seinen  unwissenden Freunden machte er weiß, dass es eine Strafe für mich wäre, dieses dreckige unbehandelte Zeug zu essen.

Sein Mut ließ mich die Zeit überstehen, bis ich eines Tages mit ein paar Gutschein von verschiedenen Superstores, Outletcentern und Flagshipgeschäften vor die Tür gesetzt wurde. Man hatte mir ein Taxi bestellt. Unsicher wie ich meine Zukunft gestalten sollte, stieg ich ein.

Der Taxifahrer fragte mich nach meinem Ziel und ich lächelte resigniert. „Fahren  Sie einfach los und schalten Sie das Gedudel im Radio ab!“, sagte ich zu  ihm. Ich wusste, dass sie mich nicht gebrochen hatten. Doch was sollte ich tun? Ich war allein. Während ich meinen Gedanken nach hing, fing der Taxifahrer leise an zu summen und die Noten waren mir seltsam bekannt.

 

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