100 erste Mal

Wenn ich jemandem erzähle, wie T. und ich uns im Chat kennengelernt haben,  ist mit einem Lächeln der Verzückung oder einem verträumten Seufzen kaum zu rechnen. Weder Ort noch Umstände würden das rechtfertigen.

Den Meisten geistern sicherlich eher Worte wie VERZWEIFLUNG oder  LETZTE CHANCE durch den Kopf, bevor die skeptische Augenbraue zu zucken beginnt und man sich zynische Kommentare verkneift.

Mir geht es bis heute ähnlich.  Ich finde Menschen seltsam,  die im Internet ihren Partner fürs Leben suchen, sich hinter geschönten Lebensläufen und retuschierten Fotos verstecken, weil sie sich nicht trauen, die große Liebe vor der eigenen Haustür zu finden.

Und doch hat es mich genau im Internet erwischt. Ohne geschöntes Profil, mit einem nichtsagenden Namen als Nick und einem Stofftier als Profilbild wollte ich nur chatten, bevor T. zum ersten Mal in mein Leben polterte.

Ziemlich unhöflich und hartnäckig mischte er sich ununterbrochen in mein Gespräch ein und drängte mich, zu antworten.  Die kalte Schulter zu zeigen half nicht, also fauchte ich ihn genervt an, dass er nicht stören soll. Doch T. gab nicht auf. Er hielt die Flamme am Lodern und die Kommunikation aufrecht. Er gab erst auf,  als ich ihm schließlich versprach mich am nächsten Tag ausschließlich ihm zu widmen.

Wie ich damals noch nicht wissen konnte, war das der Anfang vom Ende all meiner guten Vorsätze und der Beginn einer stürmischen Liebe.

Eine Weile chatteten wir miteinander,  bevor wir uns eines Tages auf Skype verabredeten.  T. war inzwischen etwas sympathischer, aber ein Grund für eine Beziehung war das in meinen Augen immer noch nicht. Trotzdem war ich neugierig,  wie er aussah.  Am vereinbarten Abend klingelte mein Laptop und gewährte mir den ersten Blick auf T.  Recht unspektakulär,  wie ich heute noch finde. In einem verwaschenen weißen T-Shirt und mit strubbeligen Haaren saß mir T. etwas selbstgefällig gegenüber. Nicht der Eindruck,  der einem Kribbeln im Bauch und weiche Knie verursacht. 

Das anschließende Gespräch verlief zäh und T. nervte. Der Eindruck eines Halbgottes, den er gerne vermitteln wollte, weckte meinen Ehrgeiz ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Er imponierte und ich ließ ihn ins Leere laufen. Bis zwei Uhr morgens ging dieses Spiel, bei dem ich innerlich fast platzte. Soviel Selbstherrlichkeit war mir im Leben nie begegnet.

Verärgert legte ich mich schlafen, verärgert wachte ich auf. Meine Laune wurde auch nicht besser, als wenige Minuten nach dem Aufstehen schon die erste frohgelaunte E-Mail von T. hereinflatterte. Ihn schien der beträchtliche Schlafmangel und das ermüdende Gespräch der letzten Nacht nicht beeindruckt zu haben. Mürrisch und recht einsilbig antwortete ich ihm, doch auf das, was dann kam, war ich nicht gefasst.

ER GAB NICHT AUF.

Mit viel Witz und Charme ließ er meine Kommentare links liegen und sorgte dafür,  dass ich ihm antwortete,  ohne es recht zu wollen. Während mein Kopf sich immer noch über diesen Idioten aufregte, hatte mein Herz schon längst einen eigenen Weg eingeschlagen. Ich merkte, wie mein Puls jedesmal zu steigen begann, wenn eine Nachricht von ihm in meinem E-Mail-Fach war und ich das nächste Treffen auf Skype nicht erwarten konnte. Wir redeten über Arbeit,  Training,  Kinder und den Alltag. Leise, still und heimlich schlich sich die Liebe in unser Leben.

Das ging etwa drei Monate,  bevor wir beschlossen,  uns zu treffen. Und bevor T. schließlich kalte Füße bekam. Er, der zuvor mit seiner Hartnäckigkeit alles dafür gegeben hatte, mich wirklich kennen zu lernen,  zog sich zurück.  Plötzlich schaltete sich sein Verstand ein und schrie ihn an, die Unmöglichkeit dieser Beziehung zu erkennen.

Trotzdem kam er nach L.

Vor unserem ersten Treffen vereinbarten wir, dass wir uns lediglich sehen würden und nicht mehr.

Doch aus diesem Versprechen wurde nichts.

Ich holte T. vom Bahnhof ab. Etwas verschlafen und unsicher stand ich gegen 7:00 am Gleis. Was würde mich erwarten? Würde er tatsächlich kommen? War er der, den ich zu kennen meinte? Was würde der Tag bringen?

Der Zug fuhr ein und einige wenige Reisende stiegen aus. Auch T. stieg aus. Sein Aussehen war unspektakulär,  wie ich es gewohnt war, sein Händedruck war fest und seine starken Armen nahmen mir die Nervosität. Auf dem Weg zum Bäcker ließ er meine Hand nicht los. Wir bestellten uns ein Frühstück und setzten uns ins Café. T. setzte seine Brille ab und schaute mich lange an. Langsam kamen wir uns näher, ich spürte seine warmen weichen Lippen auf meinen, fühlte, wie sich unsere Zungen ineinander verfingen und hörte mein Gewissen streiten.

In meinem Kopf purzelten die Gedanken hin und her.

“Das war so nicht geplant.”

“Es ist nur ein Kuss.”

“Das hat keine Zukunft.”

“Es ist so schön.”

Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Der erste Kuss. Es fühlte sich an, als würde ich T. ewig kennen. Nachdem Frühstück brachte T. seine Sachen ins Hotel. (Ich war misstrauisch genug gewesen, mich mit ihm auf neutralem Boden zu treffen.) Danach zeigte ich ihm die Stadt.  Die ganze Zeit ließ T. meine Hand nicht los. Ab und zu stoppte er abrupt,  nur um mich von der Seite zu betrachten, mich dann zu sich zu ziehen und mich zu küssen. Ich hatte das Gefühl,  er konnte alles nicht glauben.

Wir nahmen uns ganz fest vor, nicht weiter zu gehen und besorgten uns doch zur Vorsicht eine Packung Kondome. Nachdem Mittag gingen wir ins Hotel. T. war von meinem straffen Tagespensum müde und wollte sich etwas ausruhen. Ich legte mich neben ihn und kuschelte mich an. Wir küssten uns innig und unsere guten Vorsätze gingen über Bord.

Noch heute huscht mir ein breites Grinsen übers Gesicht, wenn ich an dieses erste Mal denke. Nach weniger als 48 Stunden mussten wir uns wieder trennen.   Ich hatte T. heimlich meine schwarze Spitzenunterwäsche ins Gepäck geschmuggelt. Zumindest das sollte ihm als Erinnerung bleiben. Was aus UNS werden würde, war uns beiden noch unklar und doch hatte das Karma offenbar einen Weg für uns vorgesehen,  den wir selbst noch nicht kannten.

Ich sah T. wieder. Erst in K. dann später bei ihm in ZH.

Das erste Mal in der Schweiz und doch –  ich war zuhause.  In den Ferien lebte ich eine Woche bei ihm und genoss seine Nähe. Er hatte mir Platz in seinem Schrank gemacht und Platz in seinem Leben. Auch wenn wir immer noch keinen Plan hatten, beschlossen wir, dass dies unser persönlicher Stresstest werden sollte. Es galt das erste Mal gemeinsam den Alltag zu überstehen und die Gedanken zu ordnen. Die Woche verging wie im Flug.

Danach war an ein Leben ohne den anderen nicht mehr zu denken.

Ich überlebte das erste babylonische Sprachengewirr bei T.’s Familie, bekam mein erstes wirklich rührendes Geburtstagsgeschenk,  versöhnte mich nach dem ersten Streit, feierte mit T. zum ersten Mal Weihnachten,  Losar und Sylvester, durfte den ersten Urlaub mit T.  genießen….

Fast vier Jahre später blicke ich zurück auf eine stürmische  Beziehung,  auf eine Beziehung ohne Plan und einen Weg, der sich im Gehen ebnet…

BABY …ich freue mich auf das erste Mal, wenn du nicht wieder gehst. image

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