Die kluge Lovis

Es war einmal eine rechtschaffene junge Frau namens Lovis, die den Unterhalt für sich und ihr einziges Kind mit redlicher Arbeit verdiente.
Sie lebte allein mit ihrem Sohn in einer großen Stadt und sehnte sich nach Jahren der Entbehrung nach einem neuen Gefährten. Doch so sehr sie sich auch bemühte, war unter all den Einwohnern des Ortes kein Mann zu finden,  der zu ihr passte.
Gefiel ihr das Aussehen, hatte der Erwählte einen schwarzen Charakter oder war einfältig wie ein Huhn. Traf sie einen, der gebildet und strebsam war, interessierte der sich nur für sein eigenes Fortkommen. Die Männer waren Schwätzer, faul oder gierig, treulos oder so gottesfürchtig, dass der Liebe abschworen.
Nach einiger Zeit hatte sich Lovis damit abgefunden, ihr Leben mit ihrem Sohn allein zu fristen, da ergab es sich, dass die jährliche Frühjahresmesse allerlei Händler und Besucher in die Stadt zog. Da die Unterkünfte und Pensionen dem gewaltigen Zustrom nicht gewachsen waren, bot Lovis ihr eigenes Zimmer für Übernachtungen feil und beschloss, selbst mit ihrem Sohn auf einem kleinen Teppich auf dem Küchenboden zu nächtigen.
Schon am Nachmittag klopfte ein fremdaussehender Mann mit drei Kindern an ihre Tür. Alle vier hatten Haare so schwarz wie Ebenholz, mandelförmige Augen und eine Haut, die wie Bronze schimmerte.
Nachdem sie einen angemessenen Preis vereinbart hatten, bezog die kleine Familie das Zimmer und machte sich sogleich mit vielen Koffern auf den Weg zur Messe.
Bis spät in die Nacht waren sie jeden Tag unterwegs,  sodass Lovis ihnen meist ein kleines Abendessen aufs Zimmer stellte. Am Morgen verließen sie die Wohnung noch vor dem ersten Hahnenschrei. Lovis wäre es kaum aufgefallen,  dass Fremde die Wohnung bewohnten, hätte sie des Nachts nicht dem Gemurmel der unbekannten Sprache lauschen können. Das melodische Plätschern der Worte hüllte sie ein und bescherte ihr wunderschöne Träume.
Doch nach etwa 7 Tagen sollte die Messe ihr Ende finden, sodass Lovis schon traurig der Abreise der Unbekannten entgegensah.
Am Morgen des vorletzten Tages fand sie einen Zettel in ihrer Kammer, auf der sich der Mann für die freundliche Bewirtung bedankte und seine nahende Abfahrt ankündigte. Betrübt las die junge Frau den Zettel mehrfach.  Sie wusste nicht, warum sie soviel Zuneigung zu dem Fremden empfand  und wünschte sich, sie hätte mehr Zeit, es zu ergründen.
Und als hätte der Himmel ihre Gebete erhört, kam die Familie bereits am frühen Nachmittag nach Hause.
Die vier waren ohne Gepäck zurückgekehrt und schienen, bestürzt.
Entschlossen schob Lovis sie in die Küche und kochte ihnen einen Tee. Während die vier Kinder gemeinsam miteinander spielten, redeten die beiden Erwachsenen miteinander.
Es stellte sich heraus,  dass Norbu und seine Kinder auf dem Rückweg überfallen wurden und nun all ihres Hab und Gutes beraubt waren.
Es war ihnen nun weder möglich ihre Schulden bei Lovis, noch die Rückfahrt zu zahlen. Doch der Norbu bat Lovis an, wenn sie ihn noch ein pasr Tage länger in ihrem Haushalt duldete, schwere Arbeiten zu übernehmen und sich das Geld von seiner Mutter im Nachbarland schicken zu lassen.
Halb mitfühlend,  halb erfreut willigte Lovis ein. Die schlimme Begegnung der Fremden schien für sie einen großen Wunsch zu erfüllen.
In den nächsten Tagen verrichtet Norbu längst notwendiges Handwerk in der Wohnung während Lovis ihr Taggeld verdiente.
Kam sie nach Hause fingen ihre Augen an zu strahlen und ihr Herz ging auf, weil sie bereits auf der Treppe Norbus beruhigendes Murmeln und sein ehrliches Lachen vernahm.
Etwa eine Woche genoss Lovis dieses Zusammenleben, sie erfuhr vom Schicksal der Fremden und teilte ihr Leben mit ihnen.  Langersehntes Glück war in die vier Wände eingekehrt. Sie wollte sich ein Leben ohne Norbu nicht mehr vorstellen.
Und doch machte das Schicksal ihr einen Strich durch die Rechnung.
Am Sonntag nach dem Gottesdienst erklärte ihr Norbu, dass er nun alles Geld bekommen habe,  seine Schulden bezahlen und dieHeimreise antreten könne.
Lovis zerbrach das Herz.  Unter vielen Vorwänden bat sie Norbu zu bleiben,  doch dieser fühlte sich fremd in der großen Stadt und sagte zu ihr:”Mein Heim, mein Hab und Gut sind im Nachbarland. Dort verdiene ich mein täglich Brot. Selbst meine Kinder da zu Hause. Ich gehöre nicht hier her.”

Lovis sah, dass sie ihn nicht umstimmen konnte und fügte sich ihrem Schicksal. Weinend verabschiedete sie die Familie und gewöhnte sich schweren Herzens an ihren Alltag.
Sie ging ihrer Arbeit nach,  scherzte und spielte mit ihrem Sohn und doch war ihr leer und kalt im Inneren. Ihr fehlte Norbu und es fiel ihr schwer ohne  ihn zu leben.

Eines Tages erreichte sie ein Brief. Auf schwerem, teuren Büttenpapier stand in Norbus Handschrift geschrieben,  dass er ihre Gegenwart vermisse und sie auf einen Besuch in sein Land einlade. Zudem befanden sich einige Geldscheine und zwei Fahrkarten i  Umschlag,  sodass sie am nächsten Tag,  die lange Reise mit ihrem Sohn antreten konnte. An Flüssen,  Seen und Bergen vorbei verbrachten die beiden einen ganzen Tag in ihrem Gefährt bevor sie endlich von Norbu in Empfang genommen wurden.

Wieder zusammen,  unternahmen die Sechs Ausflüge, erkundeten die Gegend und genossen ihre Gegenwart. 
Doch auch hier sollte die Abreise nahen. Diesmal,  war es Norbu der Lovis bat zu bleiben,  denn auch empfand Nähe zu der jungen Frau und ihrem Sohn.
Und diesmal war es Lovis, die es aus den gleichen Gründen ablehnte zu bleiben.

So geschah es, dass für eine Weile die beiden mit ihren Familien durch die Lande zogen, weil sie die Heimat nicht verlassen, aber auch die Liebe nicht aufgeben konnten. Jeder Abschied war vom Wunsch beseelt, der andere möge entgültig bleiben und von Erkenntnis der Realität geblendet, dass die Heimat ihre Fesseln nicht löste.
Lovis brach es das Herz, Norbu wieder und wieder zu verlassen und verzweifelt nahm sie jedes mal ein kleines Stück von ihm mit, dass ihr die Sehnsucht in ihrem Heim erträglich machen sollte.
Sie liebte Norbu und hatte bald seinen halben Hausstand in ihrer kleinen Wohnung, als sie bemerkte, dass sie schwanger war. Es war kaum vier Wochen her, dass sie Norbu zuletzt sah und es würde noch Monate dauern,  bis sie ihn wiedersah, da die Fahrt so lang und beschwerlich war, sodass  es ihr nach gründlichem Nachdenken in den Sinn kam, Norbu einen Brief zu schreiben,  der ihrer beider Leben ändern sollte.

     Geliebter Norbu,
      siehe da sich eine neue Messe ergibt, warten beträchtlich Arbeit und große Gewinne in meiner Stadt. Ich erwarte dich in einer Woche.

      Deine Lovis

Lovis war sich sicher, dass der strebsame und tüchtige Norbu sich das nicht entgehen lassen würde.
Sie ging zum Betreiber vom Messeamt und fragte für ihren Geliebten nach einer Stelle und richtet die Wohnung her.

Als Norbu erschien,  fühlte er sich nicht nur durch Lovis Anwesenheit seltsam heimisch. War er sonst seltsam fremd durch die Räume gegangenen,  erinnerten ihn nun viele kleine Gegenstände an zuhause. Es ging ihm wohl und er arbeitete fleißig, doch als Lovis ihn fragte, ob er bliebe, verneinte er mit den bekannten Worten: “Mein Heim, mein Hab und Gut sind im Nachbarland. Dort verdiene ich mein täglich Brot. Selbst meine Kinder da zu Hause. Ich gehöre nicht hier her.”

Doch diesmal antwortete Lovis gewitzt: “Seit Tagen bist du hier. Du fühlst dich wohl in deinem Heim, weil hier dein Hab und Gut sicher ist.” Und sie deutete dabei auf all die Dinge, die sie von ihm gesammelt hatte.
Dann legte sie ihm seinen Arbeitsvertrag mit dem Messeamt vor und deutete ihm, dass auch hier sein täglich Brot zu verdienen wäre, bevor sie ihn schließlich küsste, seine Hand auf ihren leicht gewölbten Bauch legte und ihm sagte:”Und auch dein Kind hat hier sein Zuhause.”

Da konnte Norbu nicht mehr anders. Er fügte sich seinem schlauen Weibe. Für einige Wochen fuhr er zurück ins Nachbarland,  packte die Koffer, nahm seine Kinder und zog zu Lovis.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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