Stirnchakra

Ich war beim Yoga. Zum zweiten Mal in meinem Leben. Das erste Mal  habe ich nur mitgemacht,  weil man mir im Fitnesscenter  versprochen  hat,  sanft mit mir umzugehen und  mich nicht  verknotet heimzuschicken. Beim zweiten  Mal, war da schon der Wunsch, ich könnte beweglich  und vital nach Hause  gehen, Vater des Gedanken.  Und ich werde auch sicher noch ein  drittes Mal  dort landen, weil ich das Gefühl habe,  es entspannt. Beide Trainer sind sehr einfühlsam, gehen langsam vorwärts und erklären Techniken  und  Begriffe, obwohl  ich  fast die einzige Anfängerin  im Kurs bin. Von den  Begriffen versteh ich trotzdem  nur die Hälfte. Da schweben Asanas, Chakren und andere Worte durch die Räucherstab geschwängerte Luft und die leise dahinfließende Musik flüstert mir zu: “Du hast gar keine  Ahnung!”
Eine Tatsache,  die ich  gerne  zugebe. Mit dieser Art esoterisch angehauchten Kurs habe ich eigentlich  nichts am Hut. Ich habe es nicht mal geschafft, meinen Rückbildungskurs durchzuziehen,  weil da für meinen Geschmack zu viele alternative Mamis im Wollpulli und Jesuslatschen die knallharten Fakten von “fressen und gefressen werden”ignorierten und ihren Kindern größtmögliche  Freiräume gaben.
Im ersten  Kurs begannen  wir mit einer  Meditation.  Die Trainerin  redete von Entspannung  und  Loslassen.  Ich fragte mich nur, wie ich das bei  diesem  ständigen Gerede hinbekommen  sollte. Weil ich mich nach dem Training  wenig  ausgelastet  und  zu entspannt  fühlte, trainierte ich einfach wie  gewohnt  noch eine Stunde  an den  Geräten. Am nächsten  Tag  hatte ich  im ganzen  Leib Muskelkater.
Beim zweiten  Training  gelang es mir schon besser, die Stimmen im Kopf auszuschalten.
Ich entspannte, atmete in drei Kammern, grüßte  die  Sonne und  legte mich zum Schluss  zufrieden  auf die  Yogamatte. Wir schlossen  die  Augen,  fokussierten unsere Körperteile und  schließlich  drückte der Trainer uns etwas in die Hand, das wir mit unserem inneren  Auge erkunden  sollten. 

Rauh oder glatt,  kalt oder warm, schwer oder leicht…Es war ein Stein, es war ein Stein, es war ein Stein!  Bis ich herausfand, dass es eine  Kastanie war, war es ein Stein.

Meine Augen blieben weiterhin geschlossen.  Ich hörte, wie der Trainer sich bewegte. Er sprach leise mit anderen,  ging von Schüler zu Schüler und schmierte mir schließlich  ein Aromaöl  mitten auf  die  Stirn.

Falsch! Es war nicht in der Mitte.  Als er meinte,  wir sollten uns  jetzt auf unser Stirnchakra konzentrieren, kam Asperger wieder  zu Besuch.
Die Stimme  im Kopf meinte: “Das Öl ist nicht in der Mitte. Es ist nicht in der Mitte! Wie soll man  sich  da konzentrieren,  wenn es schief ist.”

Ich bemühte mich trotzdem,  kein  Spielverderber zu sein, und versuchte es halbherzig. Plötzlich wurde es schwarz vor meinen Augen.  Die lustig bunten Flecken verschwanden  und  es war richtig  schwarz. Zufrieden bestaunte ich dieses Schwarz. Von innen schaute ich mir es an und fand es perfekt.  Doch aufeinmal öffnete  sich  ein Loch und es wurde LILA. Zwischen  meinen  Augen  wurde es LILA. Ich hab es gesehen. Nicht mit meinen Augen. Da war es immernoch schwarz. Die neue Öffnung auf meiner Stirn sah Lila. Die Augen kontrollierten stetig, ob das Schwarz noch da war und der Geist bemühte  sich den Lila Fleck zu halten, in eine Form zu bringen. Der Trainer  hatte  gesagt, die Chakren wären wie Strudel. Warum war es bei mir nur ein Fleck?
Das Schwarz blieb, der lila Fleck hatte sich entschlossen wandeld umher zu schweben – mal mehr, mal weniger intensiv. Dass ich versuchte, ihm zu sagen, ich wäre Realist und müsste ihn empirisch untersuchen,  interessierte ihn nicht und er verschwand nach etwa 3 Minuten. Erzählt, habe ich davon nicht  Vielen.

Ich hab mir stattdessen eine neue  Yogahose gekauft  und  geh bald  in den  nächsten  Kurs. Vielleicht  hat das Chakra ja dann mehr Interesse,  sich untersuchen  zu lassen.

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